In Rio de Janeiros bunter Welt gibt es einen Ort, der auf den ersten Blick vielleicht nicht das ist, was man sich unter einem typischen Reiseziel vorstellt – die Favela Rocinha. Doch ein virales Drohnenvideo der Influencerin Ingrid Ohara hat eine lebhafte Debatte über den Favela-Tourismus ausgelöst. Geht es um das „Romantisieren“ von Armut und Kriminalität? Oder sehen die Bewohner darin eine Chance, ihren Lebensunterhalt aufzubessern? Die Meinungen darüber könnten kaum unterschiedlicher sein.

Auf der einen Seite gibt es Kritiker, die den Besuch von Touristen als problematisch erachten. Sie befürchten, dass die Realität der Favela durch die Augen der Besucher verzerrt wird. Auf der anderen Seite stehen die Befürworter, die in den Führungen eine Möglichkeit sehen, Einkommen für die Anwohner zu generieren. Ein faszinierendes Beispiel dafür sind die Hausdächer, die Anwohner an geführte Touristengruppen vermieten. Oft inklusive Drohnenaufnahmen für soziale Medien – ein echter Hit! Die Preise für solche Touren schwanken zwischen 20 und 60 Euro pro Person und bieten den Besuchern ein ganz besonderes Erlebnis.

Ein Blick von oben

Der Aussichtspunkt „Porta do Ceu“, das „Tor zum Himmel“, zieht viele Besucher an. Hier kann man nicht nur atemberaubende Fotos mit Blick über die Favela machen, sondern auch sein Aussehen vor einem Spiegel überprüfen – ganz nach dem Motto: „Schau dir mal an, wie schick du hier aussiehst!“ Es ist nicht unüblich, dass die Leute bis zu zwei Stunden auf ihre perfekte Aufnahme warten. Und währenddessen kann man das bunte Treiben beobachten, das sich um einen herum entfaltet.

Ein weiteres Highlight sind die akrobatischen Vorführungen der Capoeira-Tänzer. Diese Sportart, die als immaterielles Weltkulturerbe gilt, hat ihre Wurzeln in der Kultur ehemaliger Sklaven und ist ein beeindruckendes Schauspiel. Doch während diese Darbietungen die Besucher fesseln, bleibt die Frage: Wie beeinflusst all das die Bewohner selbst? Ist der Tourismus tatsächlich eine Unterstützung für die lokale Gemeinschaft?

Tourismus unter Beobachtung

Die Ereignisse von 2017, als eine spanische Touristin bei einem Feuergefecht zwischen Polizei und Drogenhändlern ums Leben kam, haben die Situation in Rocinha maßgeblich verändert. Der organisierte Tourismus wurde vorübergehend eingestellt. Nach der Wiedereröffnung hat der Touranbieter Renan Monteiro jedoch mit lokalen Gemeindevertretern zusammengearbeitet, um festgelegte Routen zu entwickeln, die von Anwohnern überwacht werden. Diese Sicherheitsmaßnahmen sind wichtig, vor allem wenn man bedenkt, dass Monteiros Unternehmen 300 lokale Guides und zehn Drohnenpiloten ausgebildet hat.

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Mit einer eigens entwickelten App, die die Standorte der Guides erfasst, kann der Besucherstrom besser gesteuert werden. So können Touren bei geplanten Polizeieinsätzen abgesagt oder verschoben werden. Die Bewohner von Rocinha sind aktiv in den Prozess eingebunden – eine wichtige Voraussetzung für einen fairen und verantwortungsbewussten Tourismus. Es zeigt sich, dass viele Anwohner nicht nur die Probleme ihrer Gemeinde präsentieren möchten, sondern auch die positiven Seiten. Der Tourismus bietet ihnen wirtschaftliche Chancen, die sie nutzen wollen.

Die Wahl der richtigen Tour

Die Wahl zwischen verschiedenen Touren ist dabei entscheidend. Während die „Favela Walking Tour“ von lokalen Guides durchgeführt wird, die in der Gemeinschaft verwurzelt sind und die Favela nicht als „menschlichen Zoo“ darstellen, gibt es auch die „Favela Jeep Tour“. Diese wird von externen Anbietern angeboten und bietet ein abenteuerliches Erlebnis, das oft nicht die gleiche Verbindung zur lokalen Kultur hat. Der Preis der Jeep Tour ist zudem etwa doppelt so hoch wie der der Walking Tour. Ein weiterer Punkt, den viele Touristen nicht bedenken: Die Einnahmen der Walking Tour fließen in soziale Projekte, während dies bei der Jeep Tour nicht der Fall ist.

Die Diskussion über die Auswirkungen des Slum-Tourismus, insbesondere in Rocinha, ist komplex. Auf der einen Seite gibt es die Möglichkeit, dass der Tourismus die lokale Infrastruktur und Wirtschaft unterstützt. Auf der anderen Seite gibt es die Gefahr, dass Stereotype und touristische Inszenierungen die Bewohner benachteiligen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation entwickeln wird und ob der Tourismus tatsächlich eine Chance für die Bewohner darstellt oder ob er letztlich mehr Schaden als Nutzen bringt.