Wer am Südzipfel des Schwarzwalds unterwegs ist, könnte kurz glauben, in den schottischen Highlands gelandet zu sein. Heideflächen ziehen sich über die Höhen, der Wind fährt durch das niedrige Gras, und dazwischen ragen junge Birken und Kiefern auf. Mittendrin: der Lotharpfad, ein Wanderweg aus Holzbohlen, Stegen, Leitern und Treppen.

Benannt ist er nach dem Orkan „Lothar“, der am 26. Dezember 1999 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 km/h eine breite Schneise in den Wald riss. Auf den Gipfeln des nördlichen Schwarzwalds blieb eine tiefe Schneise zurück. Heute lässt sich hier beobachten, wie sich die Natur nach einem Sturm ohne menschliches Eingreifen entwickelt – mitten im Nationalpark Schwarzwald.

Über Bruchholz und Baumwipfel

Der Lotharpfad liegt an der Schwarzwaldhochstraße zwischen Schliffkopf und Alexanderschanze, genauer an der B 500 zwischen Ruhestein und Kniebis-Alexanderschanze. Seine Koordinaten: 48° 30′ 21,5″ N, 8° 13′ 20,3″ O. Der 800 Meter lange Lehr- und Erlebnispfad wurde im Juni 2003 im Rahmen des EU-geförderten Projekts „Grindenschwarzwald“ eröffnet.

Treppen, Brücken und Stege aus vor Ort angefallenem Bruchholz führen über und unter den umgestürzten Bäumen hindurch. Man steigt, balanciert, bleibt stehen. Totholz liegt kreuz und quer, manchmal knackt es irgendwo im Bestand, während zwischen den alten Stämmen schon wieder junge Bäume wachsen. Für Insekten und Pilze ist dieses Holz kein Abfall, sondern ein neuer Lebensraum.

Eine Aussichtsplattform macht den Kopf frei: Von dort reichen die Blicke über die Höhenrücken des Nordschwarzwalds und ins Tal, unter anderem zum Braunberg, nach Lierbach, Oppenau, Straßburg und zu den Vogesen. Bei guter Fernsicht zeigen sich sogar Feldberg, Kaiserstuhl und die Alpen. Dann steht man da, leicht außer Atem vom Aufstieg, und schaut erst einmal länger als geplant.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Eine Fläche, die sich selbst überlassen bleibt

Nach dem Sturm beschloss die Naturschutz- und Forstverwaltung, eine zehn Hektar große Sturmwurffläche als Bannwald sich selbst zu überlassen. Ziel war, die natürliche Regeneration des Waldes langfristig zu beobachten. Das ist auch deshalb interessant, weil frühere Bergweiden durch Stallhaltung und die Aufgabe der Heunutzung zunehmend brachgefallen waren. Die Hochflächen des Nordschwarzwaldes waren zunächst überwiegend mit Fichten aufgeforstet worden; ihre Wurzeln konnten sich im Buntsandsteinboden allerdings nur flach ausbilden.

Seit der Gründung des Nationalparks Schwarzwald im Jahr 2014 gehört der Lotharpfad zu dessen Gebiet und wird von der Nationalparkverwaltung betreut. Rangerinnen und Ranger bieten regelmäßig Führungen an. Für 2007 wurden jährlich annähernd 50.000 Besucher gemeldet – ganz schön viel für einen Pfad, auf dem man an manchen Stellen lieber kurz innehält, statt im Gänsemarsch weiterzustapfen.

Koniks auf der Heide

Robuste Ponys der Rasse Konik helfen dabei, die Landschaft offen zu halten. Von Mai bis November leben die Tiere frei auf den Weiden. Zu sehen sind sie unter anderem am Schurkopf und auf der Hochebene Zollstock. Die ersten drei Koniks kamen 2020 aus dem Karlsruher Zoo, inzwischen ist die Herde auf 21 Ponys angewachsen.

Im Winter wird es auf den Hochflächen ungemütlich – und dort läuft der Langlaufbetrieb. Deshalb wechseln die Ponys in das Naturschutzgebiet Talebuckel bei Offenburg. Auch dort übernehmen sie eine vergleichbare Aufgabe zur Landschaftspflege. Ein ziemlich bodenständiger Jahresplan: Sommer auf der Heide, Winter bei Offenburg, dazwischen Gras, Wetter und vermutlich wenig Interesse an menschlichen Terminkalendern.

Wer über die Holzbohlen des Lotharpfads geht, sieht also nicht bloß die Folgen eines Sturms. Da ist der Orkan, der 1999 in Baden-Württemberg innerhalb von zwei Stunden rund 30 Millionen Kubikmeter Holz umwarf. Da sind Pilze und Insekten im Totholz, Birken und Kiefern im neuen Bewuchs, Koniks auf den Weiden – und weit oben die Aussichtsplattform mit dem Nordschwarzwald unter einem oft erstaunlich großen Himmel.